Dieser Text ist nebensächlich. Er erklärt nicht, er tritt schon gar nicht an die Stelle der Bilder und er ist höchst subjektiv. Anders scheint es gar nicht möglich, angemessen mit dem vorliegenden Werk, ja mit Bildern überhaupt umzugehen. Das geschriebene Wort stellt sich neben die Werke, eigentlich in den Hintergrund, damit das Sichtbare um so deutlicher nach vorn treten kann.
Dieser Text beschreibt die Beobachtung von Beobachtungen und lädt zum eigenen Sehen ein.

Linie und Raum. Diese beiden sind wesentlich für das vorliegende Werk. Derjenige, der mit ihnen umgeht ist ein Konstrukteur – der Mann, der die Fäden zieht. Aus der Überkreuzung der Linien wächst der Raum und wird gleichzeitig geteilt. Somit verwundert es nicht, dass die Form dieses Werkes die Begegnung oder vielmehr die intersubjektive Beziehung in sich birgt, die ihrerseits aus dem Chiasmus – der Überkreuzung der Blicke – entsteht. Es ist keine neue Erkenntnis, dass sich Kunst auf dem Feld der Intersubjektivität bewegt. Das Besondere an diesem Werk ist, dass hier der Betrachter in außergewöhnlichem Maße gefordert wird teilzuhaben am Spiel der Kreuzungen und Begegnungen, am Verlauf der Wege und Fäden. Die Linien bereiten ihm den Raum, den es zu sehen gilt; so wie sie selbst ausschwärmen, den Raum zu entdecken.
Die Linie führt weiter. Sie windet sich nicht. Die Richtung - einmal eingeschlagen - wird unumwunden verfolgt. Der Kopf steuert die Hand, wenn sie auf Abwege gerät. Die entstandene Spur ist mal kantig, konsequent teilend – mal sickert sie in den Bildträger ein, zerfasert und will Fleck werden. Dennoch wird die Bildfläche nicht zerschnitten, die dominante Linie respektiert in letzter Konsequenz die Bildgrenze. Eher ist sie Rhythmus, Struktur, Konstrukt – eingespannt in ein sensibles Gerüst, das nicht bedeuten will, sondern vielmehr topographisch ist. Es beschreibt Wege und Bahnen, gibt die Lage von Flächen an und macht Bewegung spürbar, sowohl innerhalb der Bildfläche, als auch tief in den Raum hinein.
Die Linie erzeugt so durch ihre Entschiedenheit einen Raum, der zunächst keineswegs illusorisch oder imaginär ist, sondern die Fixiertheit der Realität imitiert, was ihn als einen Fiktiven charakterisiert. Dabei findet die Bezugnahme auf Realität nicht mit dem zwanghaften, zur Bewunderung drängenden Mittel der Zentralperspektive statt, sondern es wird gleichsam eine innere Perspektive genutzt, um die fragmentarischen Bildkomponenten zu verorten. Der innere Blickwinkel bemüht sich um die Einheit in der Mannigfaltigkeit, den Zusammenklang von Teil und Ganzem. Daher ist es wenig verwunderlich, dass die Komposition an einigen Stellen bricht, kippt und dennoch in einem Gleichgewicht gehalten wird. Denn die Realität, auf die sie sich stützt und die sie durch ihre Fiktionalität imitiert, wird durch das Hinzukommen von innerer Anschauung zur Lebenswirklichkeit. Diese folgt anderen – psychischen statt physischen – Gesetzmäßigkeiten. Auf diesem Gebiet kann das einzelne Feste stets ins Wanken geraten, um doch vom Ganzen gehalten zu werden.
Bemerkenswert ist, dass die Konstruktionslinie, die mit so großer Entschiedenheit gesetzt wird, durch ihre Position in der Bildfläche in das Imaginäre hineinragt. Sie überwindet an ihren Endpunkten den fiktiven Raum. Der Betrachter ist versucht, sich imaginäre Linien und Flächen einzubilden, um sie mit in die Gesamtkonstruktion einzuweben. Somit eröffnet das Bild innerhalb der Zweier-Konstellation von Betrachter und Werk Raum für einen Mehrwert. Das Konstrukt hört auf nur Konstruiertes zu sein und schafft etwas so noch nie Gesehenes. Etwas, das nicht durch Sprache greifbar ist.
Innerhalb dieser Intersubjektivität zwischen Bild und Betrachter beginnt sich die Konstruktion zu bewegen und lässt eine Bewegtheit beim Sehenden entstehen. An diesem Punkt wird der Standpunkt des Betrachtenden hinterfragt. Wie soll man zu dem äußerst klaren und entschiedenen Gebilde Stellung beziehen; wie sich positionieren? Welche Haltung kann man einnehmen? Letztlich kann hier nur das Sehen weiterhelfen, das wie das Denken zu neuen Ansichten führen kann.
Weitere Seherfahrungen ermöglichen die Fadenkonstrukte, die ihrerseits weder verwirrt noch verknotet sind, sondern in ihrem So-Sein Klarheit bergen. Der fiktive Raum den sie kreieren und der nur in der Einbildungskraft existiert, wird suggeriert durch Rhythmus, Wiederholung und Monotonie. Taktgefühl wird spürbar. Saiten werden gespannt, das Instrument gestimmt. Wirre Netze sind es wahrlich nicht, vielmehr wird das bewegliche Fluidum der Luft imaginär begrenzt und eingefangen ohne eingesperrt zu werden. Keine Wände werden errichtet, sondern zarte Gespinste, die wiederum wohlgeordnet sind. Gedankenfäden mit klarer Richtung, die vehement einer Idee folgen. Ohne die Spannung und Ordnung fehlte das Rüstzeug gegen die Verknotungen und Verwirrungen. So richtet sich ein Gerüst auf, das durch die Gleichzeitigkeit von wirklicher Transparenz und imaginärer Begrenzung existiert. Der fiktive Raum entsteht allein im Betrachter, der vor die Frage gestellt wird wie viel Halt er braucht und wo er die vorgegebenen Grenzen füllen will.
Spuren werden wieder verdeckt. Das Tuch legt sich über die Fäden so wie die Farbschicht das Gerüst bedeckt: beide sind unheimlich. Sie sind nicht mehr heimlich, sondern machen durch die Bergung Inneres offensichtlich und zeigen Verborgenes an. Auf diesem Weg tritt die gemalte Fläche in den Dienst der Sichtbarmachung, denn sie erzählt von Aufbau und Zerstörung. Das Gerüst, nach der inneren Perspektive konstruiert, wird geprüft. Überflüssiges wird verworfen. Eine Auswahl wird getroffen. Eine Auslese findet statt. Ein Balanceakt. Eine eigene Hinterfragung. Wie viel ist wirklich notwendig? Bedächtig wird auf Messers Schneide nach Angemessenheit geforscht. Ein entropischer Vorgang, bei dem mit jedem Schritt Altes zurück gelassen und Neues geschaffen wird.
Das entstandene Sichtbare ist gesprächiger, als es vorgibt zu sein. Die Annäherung ist eine Frage der Zeitlichkeit und des Abstandes. Die spürbare Langsamkeit der Bilder lädt ein zur Bedächtigkeit. Nutzt man die Ruhe, um den eigenen Standpunkt im Angesicht des Bildes zu finden, eröffnet einem die Distanz wiederum die Erfahrung von Raum. Folgt man der Einladung zum Eintreten in dieses Sichtfeld, wird stetig deutlicher die Reichhaltigkeit des zugrundeliegenden Gerüstes spürbar. Das Darunter oder Dahinter lässt sich erahnen und setzt somit einen respektvollen Betrachter voraus, der Maß nehmen muss. Ihm begegnet maßvolle Sichtbarkeit, die aus ihrem Gehalt keinen Hehl macht, sich aber auch nicht unverhüllt zeigt.
Ist man so im Bilde, reflektiert die Bildfläche das eigene Bild.

Im Ganzen des Werkes werden elementare Prozesse der Bildproduktion sichtbar. Das Bild wird als Bild erkannt, als Ergebnis eines Herstellungsprozesses, als etwas Gemachtes und damit als Artefakt. Der Ausgangs- und Fixpunkt für den Konstrukteur ist das was wirkt – die Wirklichkeit. Sie bildet im Zusammenklang mit der inneren Anschauung den Grundstein für eine Intersubjektivität auf unterschiedlichsten Ebenen. So wie jede Linie mit dem Bildträger in Beziehung steht, ist jede neue Spur eine Stellungnahme zu der vorigen und fügt sich nach einem eigensinnigen Plan zu einem Ganzen. Natürlich ist es nicht nur der Produzent, der Einfluss auf das Werk nimmt, es ist auch das Werk, dass auf den Herstellenden wirkt.
Die Konstruktion ist der Modus der Vorgehensweise – die vielfältige Variation der intersubjektiven Beziehung aber ist der Wesenszug, der dem Werk seine sichtbare Form gibt.
Jederzeit wird im vorliegenden Werk das Bestehende neu aufgeteilt und anders strukturiert. Die Grenzen werden verschoben, der eigene Garten neu umzäunt. Der Weg vom gespannten Faden über die Grafik zur Malerei ist eine ebenso gradlinige und konsequente Beschäftigung mit dem fiktiven Raum wie die jeweils einzelne Linie sich unumwunden durch die Werke spannt. Das Innere, die Idee des Werkes nimmt Beziehung mit dem Außen auf, der Lebenswirklichkeit und umgekehrt. Der Faden spannt sich bis zum Ankerpunkt, kehrt um, und nimmt den direkten Weg zum Nächsten auf. Klare Kommunikation zwischen drei Beteiligten. Der chiasmatischen Beziehung zwischen Betrachter und Bild - gleichzeitig Linie und Raum – und dem Dritten, dem Dazwischen. Dem Moment, der unsagbar ist und bleiben wird.

-Dennis Hölzer, 2005-